Immer mehr Regionen in Europa kämpfen mit Wassermangel. Hier wird endlich deutlich, dass Wasser als Ressource nicht „einfach mal weg sein darf“, dass Wasser als Ressource eigentlich global betrachtet geteilt werden müsste. Eine kritische Analyse.

Maria Köpf, Redakteurin DEINE DOSIS

Am Rand der Doñana-Lagune in Andalusien reißt der Boden auf. Wo früher Flamingos im seichten Wasser standen, bleibt Staub. Lastwagen rollen dennoch Tag für Tag vom „Gemüsegarten Europas“ Richtung Norden. Erdbeeren, Zitrusfrüchte, Paprika – bestimmt für Supermärkte in Deutschland.

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„Von dort aus startet täglich eine Lastwagenflotte, um die Erzeugnisse in den kühlen Norden zu bringen“, sagt Johannes Schmiester, Projektmanager für Water Stewardship beim WWF Deutschland. Seit sieben Jahren beschäftigt ihn die Frage, wie eng deutsche Lieferketten mit der Wasserknappheit in Südspanien verflochten sind. „An der Wasserknappheit in Südspanien sind damit indirekt auch deutsche Lebensmittelhändler beteiligt.“

Die Region kämpft mit sinkenden Grundwasserspiegeln, illegalen Brunnen und Nitratbelastung. Feuchtgebiete trocknen aus. Abwässer gelangen teils ungeklärt ins Meer. Die UNESCO warnt im UN-Weltwasserbericht, dass der globale Wasserbedarf bis 2050 um weitere 20 bis 30 Prozent steigen könnte. Schon heute entfallen rund 70 Prozent der weltweiten Süßwassernutzung auf die Landwirtschaft, etwa 20 Prozent auf Industrie und 10 Prozent auf Haushalte UN-Water.

Ein globales Geflecht

Was in Andalusien geschieht, wiederholt sich in anderen Exportregionen: Baumwolle in Pakistan, Gemüse in Marokko, Textilien in Bangladesch.

Deutsche Nachfrage nach günstigen Produkten trifft dort auf fragile Wassersysteme.

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Gleichzeitig bleibt Wasser politisch ein Querschnittsthema – oft ohne klare Zuständigkeit. Flüsse überqueren Grenzen, Lieferketten verschleiern Verantwortung. Zwar reguliert die EU-Trinkwasserrichtlinie die Schadstoffe im Trinkwasser, doch sie löst nicht das Problem übernutzter Aquifere in Exportregionen.

„Wir brauchen eine viel stärkere Zusammenarbeit in Europa, insbesondere mit der produzierenden Wirtschaft“, sagt Schmiester. Noch agierten viele Unternehmen zu wettbewerbsorientiert. „Häufig sehen die Unternehmen ihre Umweltprojekte als Einzelkämpfer, anstatt das Wasserproblem gemeinsam zu lösen.“

Das Ziel SDG 6 – in weiter Ferne?

Die Vereinten Nationen haben mit dem Nachhaltigkeitsziel SDG 6 versprochen, bis 2030 sauberes Wasser und Sanitärversorgung für alle zu gewährleisten. Doch laut BMZ fehlt 2,2 Milliarden Menschen weiterhin ein sicherer Zugang zu Trinkwasser. Das Tempo beim Ausbau müsste sich vervielfachen.

Wasserknappheit wirkt weit über Umweltfragen hinaus. Studien zeigen, dass staatliche Anpassungsmaßnahmen Migration beeinflussen können. Forschungen etwa zu Klimaanpassung in Kanada deuten darauf hin, dass Investitionen in dürregeplagte Regionen Abwanderung mindern (Forschungsüberblick Klimaanpassung und Migration. Auch in Teilen Indiens führte der Wechsel vom wasserintensiven Reisanbau zu Hirse zu messbar geringerem Wasserstress.

Wasser wird damit zum sozialen Faktor – und zur geopolitischen Herausforderung.

Der Wasserfußabdruck

Für Unternehmen beginnt Veränderung mit Transparenz. Der Wasseranalyst und TU-Doktorand Jonas Bunsen spricht vom „Wasserfußabdruck“. Er beschreibt, wie viel Wasser ein Produkt entlang der Lieferkette verbraucht oder verschmutzt – ein Konzept, das auf Arbeiten des Water Footprint Network zurückgeht.

„Dabei kann ins Auge fallen, dass vor allem beim Baumwollanbau und beim Färben Cluster rund um Pakistan oder Bangladesch Wasserproblematiken auftreten“, sagt Bunsen. Erst wenn regionale Risiken analysiert sind, können Ziele formuliert werden: weniger Entnahme, bessere Filtertechnik, Kreislaufsysteme.

Doch Technik allein genügt nicht.

Kooperation statt Konkurrenz

Seit 2015 vermittelt der WWF eine Kooperation zwischen Edeka und inzwischen 26 Farmen in Andalusien, Katalonien und Valencia. Die Idee: weniger, gezielt und legal bewässern, Pflanzenschutz reduzieren, Bodengesundheit stärken. Die Projektorangen tragen im Markt das Panda-Logo.

„Das Zitrusprojekt ist ein Beispiel, wie wir die Wassernutzung nachhaltiger gestalten können. Dabei beziehen wir neben den Farmen auch immer das jeweilige Flussgebiet mit ein“, sagt Schmiester.

1.668 Millionen Liter Wasser wurden laut Projektangaben im Vergleich zu den zugeteilten Wasserkonzessionen eingespart.

Es sind lokale Schritte in einem globalen Problem. Während in Andalusien die Erde weiter aufreißt, entscheidet sich auch in deutschen Einkaufswagen, wie viel Wasser anderswo fließt – oder versiegt.

Die Frage „Wasser für alle?“ beginnt nicht am Brunnenrand. Sondern im System.

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