Über 12.000 Gutachten zu Behandlungsfehlern, kein nationales Fehlerregister, kein verbindliches Meldesystem – und ein Koalitionsvertrag, der das Wort „Patientenrechte“ mit einem halben Satz abhakt. Warum Deutschland vor allem ein Kommunikationsproblem hat, das Patienten gefährdet. Was zwei Patientensicherheits-Expertinnen des APS e.V. (Aktionsbündnis Patientensicherheit e.V.) erlebt haben – und wofür sie deshalb jahrzehntelang kämpften.
Text: Maria Köpf
Das deutsche Gesundheitssystem in zwei Beispielen
Die Anästhesistin und Notfallmedizinerin Dr. Ruth Hecker weiß, wie es sich anfühlt, wenn nicht die Krankheit selbst, sondern das Gesundheitssystem krank macht, weil die Prozesse nicht funktionieren – sie war selbst lange Patientin, bevor sie als Ärztin Teil davon wurde. Als Kind litt sie an einer chronischen, unheilbaren Erkrankung und wurde zur Stammpatientin. Einmal musste sogar der Notarzt gerufen werden. Dass sie schließlich die richtige Therapie erhielt, verdankt sie keinem reibungslosen System, sondern einem Glücksfall: Ihr Bruder war Arzt und wusste, wo er ansetzen musste.
Jahrzehnte später erlebte sie als Ärztin den Perspektivwechsel. Was sie als Patientin als Versagen erlebt hatte, verstand sie nun als strukturelle Überlastung und als ein System, das nicht ineinander greift. Diese Erfahrung prägte auch ihre Arbeit für das Aktionsbündnis Patientensicherheit (APS), dessen Vorsitz sie lange innehatte.
Petra Blumenbergs prägendste Erfahrung liegt auf der anderen Seite des Betts. Als junge Krankenschwester passiert der heutigen Pflegewissenschaftlerin in einer Stresssituation ein Fehler bei einer Medikamentengabe, der einem Patienten schadet. Der Patient überlebt – aber der Schaden ist real. Was folgt, ist kein offenes Gespräch über die Fehlerursache, keine Unterstützung und kein sensibler Umgang mit den Schuldgefühlen, die viele Menschen aus Gesundheitsberufen drängen. Blumenberg bleibt mit dem Gefühl, versagt zu haben, allein. Der Vorfall wird heruntergespielt.
Heute sagt sie rückblickend: „Der Fehler hätte verhindert werden können, wenn es standardisierte Prozesse für die Gabe von intravenösen Medikamenten gegeben hätte“. Vorgehensweisen wie „Stop – inject. Check!“, also das kurze Innehalten vor Gabe einer Spritze, können gravierende Fehler vermeiden helfen.
Dass sich das geändert hat, ist auch Ergebnis der jahrzehntelangen Arbeit von Expertinnen wie Blumenberg und Hecker im APS und den dort entwickelten Handlungsempfehlungen für eine sicherere Praxis.
Gesundheitssystem auf dem Prüfstand
Beide Expertinnen teilen dieselbe Diagnose: Deutschland hat nicht nur ein Fehlervermeidungsproblem – sondern vor allem ein Fehlerkommunikationsproblem. Über 12.000 Gutachten zu vermuteten Behandlungsfehlern zählte der Medizinische Dienst Bund 2024, in jedem vierten Fall bestätigte sich der Verdacht. Ein nationales Fehlerregister existiert nicht, eine Meldepflicht für sogenannte Never Events ebenfalls nicht. Dr. Ruth Hecker verweist hier auf Skandinavien, wo Fehlerkommunikation stärker verankert ist.
Der Koalitionsvertrag vom Mai 2025 verspricht ein nachgebessertes Patientenrechtegesetz. Für DEINE DOSIS sprachen beide Expertinnen darüber, was sich konkret ändern müsste.
Schweigen über Fehler
Die freiwilligen Critical-Incident-Reporting-Systeme (CIRS) werden nach Einschätzung von Dr. Ruth Hecker zu selten genutzt – aus Angst vor Konsequenzen und weil qualifiziertes Personal fehlt, das die Meldungen auswertet. Blumenbergs Erfahrung zeigt, warum: Wer nach einem Fehler allein gelassen wird, redet nicht darüber.
„Wir haben keine gute Kultur in Deutschland, um über Fehler und das, was nicht funktioniert, zu sprechen“, sagt Hecker.
Dabei zeigen Studien aus anderen Ländern, etwa Skandinavien: Wo Fehler benannt werden, können Systeme lernen. Wo sie verschwiegen werden, wiederholen sie sich. Gleichzeitig reagieren Patienten oft verständnisvoll, wenn offen kommuniziert wird – und klagen seltener. Transparenz schützt also nicht nur Patienten, sondern auch Behandelnde.
Wo passieren die meisten Fehler?
Nicht Seitenverwechslungen im OP dominieren die Statistik. Das größte Problem liegt bei der Arzneimitteltherapiesicherheit: falsches Medikament, falsche Dosierung oder falsche Applikation. Besonders riskant sind mündliche Anordnungen im Nachtdienst, die mündlich weitergegeben werden, nicht nachgefragt, notiert oder dokumentiert werden.
Ein weiteres Risikofeld ist die Schnittstelle zwischen stationärer und ambulanter Versorgung: Entlassungsbriefe kommen zu spät, Medikationspläne sind unvollständig, Befunde gehen verloren. Petra Blumenberg betont die Rolle der Digitalisierung: Eine konsequent eingeführte elektronische Patientenakte könnte viele dieser Fehler verhindern. Der politische Wille ist vorhanden, an der Umsetzung hapert es.
Was Patientinnen und Patienten selbst tun können
Beide Expertinnen sind sich einig: Patientensicherheit ist keine Einbahnstraße. Informierte Patienten, die nachfragen und Unterlagen einfordern, erhöhen ihre Sicherheit. Dr. Ruth Hecker lernte früh, dass wer nicht fragt, keine Antworten bekommt – und dass ein System, das darauf nicht vorbereitet ist, ein strukturelles Problem hat.
Das Aktionsbündnis Patientensicherheit stellt Checklisten und Aufklärungsmaterialien bereit. Sie entlasten das System nicht, stärken aber die Menschen, die sich darin bewegen müssen.
Was sich ändern müsste
Die Forderungen sind klar: ein nationales Register für Never Events, eine Meldepflicht für schwerwiegende Zwischenfälle, eine Reform des Patientenrechtegesetzes und eine ausreichend finanzierte Sicherheitskultur in Kliniken.
Das Patientenrechtegesetz von 2013 war ein Anfang, schwächelt aber in der Beweislast: Patienten müssen nachweisen, dass ein Fehler ihren Schaden verursacht hat – eine Hürde, die ohne Unterstützung kaum zu nehmen ist. Eine Reform müsste hier ansetzen: mehr Transparenz, bessere Dokumentation und stärkere unabhängige Stellen.
„Die Lösungen liegen auf dem Tisch. Was fehlt, ist der politische Wille, sie systemisch umzusetzen“, sagt Petra Blumenberg.
Der Koalitionsvertrag lässt Spielraum – aber keine Garantie. Ob aus Versprechen konkrete Gesetze werden, wird sich zeigen.

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