Wie abhängig sind europäische Patienten bei einer erneuten Pandemie oder einem erneuten Fukushima von chinesischen Arzneimittel-Zulieferern? Hat Europa vorgesorgt, damit besonders Antibiotika jederzeit verfügbar bleiben?
Maria Köpf, Redakteurin DEINE DOSIS
In Kundl, einem Ort in Tirol, dampfen noch immer gewaltige Fermenter. Es riecht metallisch, nach Chemie, nach industrieller Biologie. Hier entsteht 6-APA, jenes Vorstufenmolekül, aus dem Penicilline wie Amoxicillin oder Ampicillin hergestellt werden. Ein Stoff, ohne den Notaufnahmen, Hausarztpraxen und Intensivstationen nicht funktionieren würden.
Doch Kundl ist eine Ausnahme geworden.
„Bei der Antibiotika-Produktion hängt Deutschland bereits heute am asiatischen Tropf!“, sagt Dr. Morris Hosseini von Roland Berger. Er leitete 2018 die vielzitierte Antibiotikastudie für Pro Generika. Die Analyse zeigte schon damals, wie stark Europa bei Wirkstoffen und Vorprodukten von China abhängig ist.
Seit den 1980er-Jahren hat China seine Produktion systematisch ausgebaut. Antibiotika sind meist nicht mehr patentgeschützt – sie gehören zum globalen Niedrigpreissektor. Wer am billigsten produziert, gewinnt. China subventionierte, erweiterte Kapazitäten, produzierte bis an die Grenze. Fixkosten sanken, Preise folgten.
Europa hingegen setzte auf Marktmechanismen. Nach Patentabläufen gab es keine gezielte industriepolitische Flankierung. Ab 2003 erlaubten gesetzliche Regelungen den Krankenkassen, massive Rabattverträge mit Herstellern auszuhandeln. Laut der Roland-Berger-Studie führte das zu einem Preisverfall, der europäische Standorte zunehmend unwirtschaftlich machte.
Wenn Produktion zur Frage der Souveränität wird
Die Folgen lassen sich beziffern. Für 6-APA liegen vier von sechs globalen Herstellern in China. Auch bei Amoxicillin-Trihydrat konzentrieren sich laut Studie sechs von zwölf Standorten auf das Land der Mitte. Cephalosporine und Penicilline zählen jedoch weiterhin zu den am häufigsten verordneten Antibiotika in Deutschland RKI-Daten zum Antibiotikaverbrauch.
Hosseini formuliert es nüchtern: „Wenn denn im Bereich der Cephalosporine das Kind bereits in den Brunnen gefallen ist, würde ich mir für andere Antibiotikawirkstoffe und Vorprodukte eine gemeinsame EU-Strategie wünschen.“ Bei Penicillinen sei noch nicht alles verloren.
Die Industrie argumentiert mit Zahlen, doch dahinter steht eine strategische Frage: Wie viel pharmazeutische Basisproduktion will Europa noch selbst kontrollieren?
Das letzte Einhorn
In Kundl hält Sandoz als einer der letzten großen Standorte an der Penicillin-Fermentation fest. Millionenschwere staatliche Zuschüsse aus Österreich sichern die Produktion vorerst. „Es war keine einfache Entscheidung, Geld in einem unwirtschaftlichen Umfeld auszugeben, aber für die Gesellschaft bleibt es brutal wichtig“, sagt der Produktionsleiter.
Die Anlage versteht sich als „Selbstversorgungswerk“. „Nur sehr wenige andere Hersteller erhalten unser wichtiges Vorprodukt.“ Weltweit existieren neben Kundl nur noch vier relevante Standorte in China und ein kleiner Wettbewerber in Mexiko.
2016 zeigte sich, wie fragil das System ist. Eine deutsche Fermentationsanlage für Cephalosporin-Vorprodukte wurde verkauft – wegen fehlender Wirtschaftlichkeit. Kurz darauf senkten chinesische Wettbewerber ihre Preise. Der neue Betreiber musste schließen. Marktmechanismus gegen Industriepolitik.
Preis gegen Sicherheit
Antibiotika werden bewusst zurückhaltend eingesetzt, um Resistenzen zu vermeiden – ein medizinisch notwendiger Schritt, wie das WHO-Resistenzmonitoring zeigt. Doch geringer Verbrauch bedeutet auch stagnierende Absatzmengen. Für Hersteller sinkt damit der Anreiz zu investieren.
Hosseini plädiert deshalb für ein Umdenken: „Es geht hier um eine Risikoversicherung gegen kritische Arzneimittel in Europa.“ Der Mehrwert liege nicht im Etikett „Made in Germany“, sondern in der Versorgungssicherheit.
Europa diskutiert inzwischen strategische Autonomie bei Energie, Halbleitern, Rohstoffen. Antibiotika gehören bislang selten in diese Debatte – obwohl Lieferengpässe in den vergangenen Wintern immer wieder sichtbar wurden BfArM-Lieferengpassliste.
In Kundl laufen die Fermenter weiter. Doch die Frage, ob Europas Krankenhäuser langfristig auf stabile Lieferketten bauen können, entscheidet sich nicht nur im Labor – sondern in Brüssel, Berlin und Peking.
Antibiotika sind altbekannte Wirkstoffe. Ihre geopolitische Brisanz ist neu.

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