Sonnenlicht gegen Krebs? Was die Forschung wirklich zeigt
Niederländische und schwedische Studien deuten auf schützende Effekte hin – doch die Datenlage bleibt komplex
Judith Riegert, Redakteurin DEINE DOSIS
Es klingt paradox: Die Sonne, die Hautkrebs verursacht, könnte gleichzeitig vor anderen Krebsarten schützen. Ein niederländisches Forscherteam um Han van der Rhee veröffentlichte 2016 im Fachjournal „Medical Hypotheses“ eine provokante These: „Normale Sonnenexposition stärkt die Gesundheit.“ Die Wissenschaftler beschrieben eine „wachsende beobachtende und experimentelle Evidenz“, dass Sonnenlicht der Prävention von Darmkrebs, Brust- und Prostatakrebs, Multipler Sklerose, Bluthochdruck, Diabetes und Non-Hodgkin-Lymphom diene.
Hauptsächlich geht es um „umgekehrte Assoziationen“: In Regionen mit mehr Sonnenlicht sinken Krebs- und Sterberaten. Doch Korrelation ist nicht Kausalität – das ist die zentrale Kritik an solchen Beobachtungsstudien.
Die schwedische Langzeitstudie
Ein Team um Pelle Lindqvist analysierte 2022 Daten von 30.000 Schwedinnen über 20 Jahre. Das Ergebnis: „Sonnenanbeterinnen“ hatten zwar ein 20 Prozent höheres Risiko für schwarzen Hautkrebs, aber ein 23 Prozent niedrigeres Risiko, an anderen Krankheiten zu sterben. Frauen, die die Sonne mieden, zeigten ein 40 Prozent höheres Risiko für krebsbedingte Todesfälle.

„Trotz eines wachsenden Risikos für Tod durch Hautkrebs scheinen niedrige Sonnenaufenthalte mit einem höheren Risiko für kardiovaskuläre und andere Erkrankungen zusammenzuhängen“, schreiben die Forscher.
Allerdings: Die Studie fand in Schweden statt, einem der sonnenärmsten Länder der Welt. In Regionen mit stärkerer UV-Strahlung wie Deutschland, Österreich oder der Schweiz dürften die Zahlen anders aussehen.
Warum sich die Effekte so schwer nachweisen lassen
Die Intensität der Sonnenexposition hängt von vielen Faktoren ab: Wie viel Sport treibt jemand? Wie oft ist die Person draußen? Zeigt sie einen niedrigen BMI und damit höhere Vitamin-D-Spiegel? „Übergewichtige haben niedrigere Vitamin-D-Werte, weil das Hormon im Fettgewebe abgelagert wird“, erklärt Stefan Pilz von der Österreichischen Gesellschaft für Endokrinologie.
Hinzu kommen sozioökonomische Faktoren, Hautfarbe, kulturelle Gewohnheiten wie Ganzkörperbekleidung. Günter Stalla, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie, verweist auf die komplexen Zusammenhänge: Wer übergewichtig sei und gleichzeitig wenig Bewegung an frischer Luft habe, zeige ein erhöhtes Krebsrisiko. Die entscheidende Frage bleibe, welche Faktoren letztlich den Ausschlag für eine Erkrankung geben.
Der niederländische Forscher van der Rhee betont, dass kontrollierte Studien über Sonnenlicht-Effekte bei Krebsformen unter Wissenschaftlern als „undurchführbar und unethisch“ gelten. Man kann Menschen nicht jahrelang gezielt UV-Strahlung aussetzen, um zu sehen, ob sie seltener an Krebs erkranken.
Konkrete Hinweise bei anderen Erkrankungen
Bei Multiple-Sklerose-Patienten zeigten mehrere prospektive Studien, dass erhöhte Sonnenexposition Depressionen, Erschöpfung und Neurodegeneration reduzierte. In einer Studie an Kaukasiern senkte natürliche UV-A-Strahlung den Blutdruck erheblich – und zwar unabhängig vom Vitamin-D-Spiegel. Eine Stickstoffmonoxid-Gegenprobe bestätigte: Nicht das Hormon, sondern die UV-Strahlung selbst war für den Effekt verantwortlich.
Tierexperimente liefern weitere Hinweise: Bei Mäusen hemmte UV-Licht das Wachstum von Brustkrebszellen und reduzierte Darmtumore. In einem Adipositas-Modell unterdrückte UV-Strahlung Gewichtszunahme, Glukoseintoleranz und Insulinresistenz.
Der gefährliche Mittelweg
„Ein zu starres Vermeiden der Sonne kann mehr Schaden als Nutzen anrichten, indem gleichzeitig das Risiko für Herzinfarkte und Schlaganfälle ansteigt“, warnen Forscher wie van der Rhee und Lindqvist.
Experten des Krebsinformationsdienstes am Deutschen Krebsforschungszentrum geben jedoch zu bedenken: Jede Bräunung bedeute bereits eine vorzeitige Hautalterung, jede Rötung einen manifesten Hautschaden. Die steigenden Hautkrebsraten in Deutschland ließen sich vor allem auf den Lebensstilwandel der 1960er und 70er Jahre zurückführen, als ausgiebiges Sonnenbaden zur Modeerscheinung wurde.
Was bleibt?
Die Forschung steht vor einem Dilemma: Beobachtungsstudien zeigen Zusammenhänge, aber keine eindeutigen Ursachen. Kontrollierte Experimente sind ethisch problematisch. Tierversuche liefern Hinweise, lassen sich aber nicht direkt auf Menschen übertragen.
Die Empfehlung des Bundesamts für Strahlenschutz bleibt daher vorsichtig: Gesicht, Hände und Arme zwei- bis dreimal pro Woche für 5 bis 25 Minuten der Sonne aussetzen – je nach Hauttyp. Mehr sei nicht nötig, mehr könne schaden.
„Nicht nur die Sonne, sondern auch unsere Aktivität, unsere Ernährung, unsere Stimmung beeinflussen unsere Gesundheit“, sagt Stefan Pilz. Der Schlüssel liegt in der individuellen Balance zwischen Schutz und Nutzen – und in einem aktiven Leben an der frischen Luft, ohne dabei die Haut zu schädigen.
Zum Weiterlesen: Im nächsten Artikel: Warum Vitamin-D-Präparate kein Ersatz für Sonnenlicht sind – und wann sie gefährlich werden.

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