Schlafprobleme bei Kindern: Ursachen und Lösungen
Nachts hellwach, tagsüber erschöpft – Schlafprobleme bei Kindern belasten oft die ganze Familie. Doch wann wird aus schlechtem Schlaf eine behandlungsbedürftige Störung?
Judith Riegert, Redakteurin DEINE DOSIS
Die kleine Mia wachte jahrelang mehrmals pro Nacht auf*
Für manche Erwachsene wären 10 bis 12 Stunden Schlaf ein Traum. Für die meisten Kleinkinder ist es Normalität. Nicht jedoch für Mia*: Bis zum Kindergartenalter wurde das Mädchen regelmäßig mehrmals pro Nacht wach – und blieb dann oft anderthalb bis zwei Stunden lang hellwach. Erst nach ausgiebigem Spielen und Herumwandern fand sie erschöpft zurück ins Bett. Die Eltern waren ratlos und verzweifelt. Mehrere Jahre vergingen, bis ein Schlaflabor Klarheit brachte: Offenbar hatte ein Sauerstoffmangel während der Geburt eine Hirnregion geschädigt, die für die Schlafsteuerung wichtig ist. Seitdem sie abends retardiertes Melatonin erhält, schläft sie endlich durch – wie andere Kinder ihres Alters auch.
Mias* Fall ist speziell, doch Schlafprobleme im Kindesalter sind häufig: Bis zu 40 Prozent aller Vor- und Schulkinder sind betroffen, wie der Berufsverband für Kinder- und Jugendpsychiatrie berichtet. Jungen tragen dabei ein höheres Risiko als Mädchen.
Chronischer Schlafmangel hat weitreichende Folgen
Nicht nur die Eltern leiden unter nächtlichen Wachphasen. Auch die Kinder selbst zahlen einen hohen Preis: Ihr Verhalten, ihre geistige Entwicklung, ihre Gefühlsregulation und langfristig sogar ihr Körperwachstum können beeinträchtigt werden. Im Schlaf schüttet der Körper wichtige Hormone aus – etwa das Wachstumshormon Somatropin oder das „Müdigkeitshormon“ Melatonin. Gleichzeitig drosselt er andere: Das aktivierende Cortisol beispielsweise, das Blutdruck und Herzrate steigert, erreicht zwischen 6 und 10 Uhr morgens seinen Höhepunkt und sinkt ab 18 Uhr deutlich. Sein Tiefstand liegt zwischen 21 und 5 Uhr – genau dann, wenn wir schlafen sollten.
Bei Schlafmangel gerät dieses System aus dem Gleichgewicht. Das Stresshormon Cortisol bleibt erhöht, Serotonin sinkt. Die Folge: Kinder finden noch schwerer in den Schlaf, ein Teufelskreis entsteht. Auch Serotonin spielt eine Doppelrolle: Es entfernt nachts den „Türeffekt“ zwischen verschiedenen Schlafphasen und beruhigt die Substanz P, die normalerweise Muskeln aktiviert.
„Bis zur Diagnose vergehen oft zehn Jahre“
Schlafstörungen bei Kindern sind schwer zu erkennen, weil sich Symptome anders zeigen als bei Erwachsenen. Die „Schlummersucht“ (Narkolepsie Typ 1) etwa äußert sich völlig anders: Statt der typischen Schlafattacken zeigen Kinder oft zusammensackende Muskelgruppen (Kataplexie), die leicht fehlgedeutet werden.
„Ehe Jugendliche mit Narkolepsie oder idiopathischer Schlafstörung bei uns im Schlaflabor auftauchen, vergehen oft zehn Jahre“, berichtet der Berliner Schlafmediziner Ingo Fietze von der Charité Universitätsmedizin Berlin. Sein dringender Appell an Eltern: Tagesschläfrigkeit bei Schulkindern ist nicht normal und sollte unbedingt im Schlaflabor untersucht werden – besonders wenn schulische Lücken und Fehlzeiten auftreten.
Was ist normal, was krankhaft?
Bei Säuglingen lässt sich noch nicht von Schlafstörungen sprechen. „Der zirkadiane Rhythmus der Schlaf-Wach-Abfolgen entsteht erst im Laufe des ersten Lebensjahres“, erklärt Fietze. „Erst mit knapp zwei Jahren ist der kindliche Tag-Nacht-Rhythmus ausgereift.“ Dafür braucht das Gehirn Zeit zur Reifung sowie äußere Taktgeber wie Hell-Dunkel-Phasen und elterliche Schlafhygiene.
Der Pädiater Reinhold Kerbl aus Leoben warnt davor, zu früh zu viel zu tun: „Wenn Eltern bei jeder Regung mit dem Kleinkind auf- und ablaufen, die Flasche anbieten oder es wiegen, gewöhnt es sich schnell daran.“ Ab dem fünften Monat genüge es meist, den Hunger ein- bis zweimal pro Nacht zu stillen.
Handlungsbedarf besteht laut den Experten dann, wenn Eltern massiv unter Schlafmangel leiden, Vorschulkinder Reife- und Wachstumsdefizite zeigen oder Schulkinder schlechte Leistungen bringen.
Welche Schlafstörungen gibt es bei Kindern?
„Kinder können grundsätzlich alle Schlafstörungen erleiden wie Erwachsene auch“, sagt Fietze. Dazu gehören:
- Ein- und Durchschlafstörungen (Insomnie)
- Schlafapnoe (Schnarchen, Atemaussetzer)
- Restless-Legs-Syndrom (unruhige Beine)
- Parasomnien (auffälliges Schlafverhalten)
- Hypersomnie (übermäßiges Schlafen)
- Zirkadiane Störungen (verschobener Tag-Nacht-Rhythmus)
Besonders Schlafapnoe ist häufiger als gedacht: Nächtliches Schnarchen oder Röcheln durch vergrößerte Rachenmandeln sollte unbedingt beim Kinderarzt abgeklärt werden.
Sehr selten ist der „Dornröschenschlaf“, bei dem Kinder fast wochenlang schlafen – ein Phänomen, das sich meist nach etwa 15 Jahren von selbst legt.
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Die Rolle des Botenstoffs Orexin
Bei Narkolepsie haben viele Patienten weniger Orexin im Hirnwasser als gesunde Menschen. Dieser im Zwischenhirn gebildete Botenstoff gilt als stärkster Wachregulator unseres Körpers – bedeutender noch als Melatonin. „Orexinmangel erklärt, warum manche Narkoleptiker tagsüber ohne Vorwarnung einschlafen“, erläutert Fietze. „Auch die idiopathische Schläfrigkeit bei Kindern und Jugendlichen hängt damit zusammen.“
Beim Non-24-Schlafrhythmus tickt die innere Uhr dagegen mit 24,7 statt 24 Stunden. Der Schlafrhythmus verschiebt sich täglich um 40 Minuten. Nach drei Monaten ist Tag, wenn bei anderen Nacht ist. Mit speziellem Melatonin, das täglich zur gleichen Zeit verabreicht wird, lässt sich gegensteuern.
Medikamente: Mangelware in Deutschland
Medikamentös sind kindliche Schlafstörungen schwer zu behandeln – auch wegen des Contergan-Skandals der 1950er Jahre, als ein Schlafmittel zu Tausenden schwer behinderten Kindern führte. „Bis auf das schwache Präparat Melatonin haben wir bei ausgeprägten Schlafstörungen arzneitechnisch kaum etwas zur Hand“, kritisiert Fietze. Selbst Melatonin ist für Kinder nur bei genetischen oder speziellen Erkrankungen zugelassen.
„Schlaftabletten haben in der Medizin ein schlechtes Image – schon für Erwachsene werden kaum welche bewilligt“, so der Experte. Benzodiazepine und Psychostimulantien seien wegen ihrer Nebenwirkungen und des Abhängigkeitspotenzials bei Kindern tabu. „Wir Schlafexperten setzen bei schläfrigen Kindern lieber auf Guarana, bei Einschlafproblemen auf natürliche Mittel wie Baldrian, Hopfen, Melisse oder Passionsblume.“
Dennoch empfiehlt Fietze, nicht zu lange zu warten: Der Kinderarzt kann ins Schlaflabor überweisen, wo eine eindeutige Diagnose gestellt werden kann.
Schlafhygiene: Der unterschätzte Faktor
„Ein besonderes Augenmerk muss auf die Begleitumstände des Kinderschlafs gelegt werden“, betont Kerbl. Diese ändern sich über die Jahrzehnte: „Früher wurde abends die Zeitung weggelegt und geschlafen. Heute werden am Smartphone Nachrichten konsumiert.“
Auch Fietze sieht ein gesellschaftliches Problem: „Ich kenne kaum ein Kind ohne extremes Schlafdefizit. Etwa die Hälfte geht einfach zu spät ins Bett.“ Eltern übernehmen Vorbildcharakter: „Wenn Eltern erst um Mitternacht schlafen gehen, denkt das Kind, da läuft noch eine Party – und findet schwerer in den Schlaf.“
Jugendlichen mit durcheinandergewürfeltem Rhythmus helfen: mehr Melatonin vor dem Schlafengehen, weniger aufs Handy schauen, tagsüber bei Licht nach draußen gehen, gesunde Schlafrituale pflegen.
Schlafen Kinder heute wirklich weniger?
Die American Academy of Sleep Medicine empfiehlt für Kleinkinder 11 bis 14 Stunden Schlaf, für Vorschulkinder 10 bis 13, für Schulkinder 9 bis 12 und für Teenager 8 bis 10 Stunden. Tatsächlich schlafen viele deutlich weniger: Eine Studie des kanadischen Forschers Jean-Philippe Chaput mit knapp 70.000 Kindern aus 18 Ländern zeigte 2018 einen durchschnittlichen Schlafmangel von 0,5 bis 3 Stunden täglich. Vorschulkinder schliefen im Mittel nur 9,6 Stunden, Grundschüler etwa 9, Teenager über 15 sogar nur 7,4 Stunden.
Allerdings: Die Studie berücksichtigte weder Schlafqualität noch kulturelle Unterschiede wie Siestas oder mehrphasigen Schlaf. Zudem gibt es individuelle Unterschiede – manche Menschen durchlaufen in kürzerer Zeit mehr Tiefschlafphasen oder wachen seltener auf.
Moderne Helfer: Fitness-Tracker für Kinder?
Fitnessuhren können mittlerweile den Schlaf-Wach-Rhythmus tracken und über Schlafqualität informieren – etwa die Dauer von REM- und Non-REM-Phasen. Dies hat bereits vielen Familien geholfen, den Schlaf ihrer Kinder zu überwachen. Weichen die Daten deutlich von Normwerten der Altersgruppe ab, sollten Eltern den Kinderarzt konsultieren und sich gegebenenfalls ins Schlaflabor überweisen lassen.
Gut vorbereitet zum Kinderarzt: Unser PDF-Ratgeber (1,99 €) enthält eine ausführliche Checkliste mit allen wichtigen Fragen, ein Schlaftagebuch zur Vorbereitung sowie detaillierte Informationen zu jeder Schlafstörung – damit Sie genau wissen, worauf Sie achten müssen.
Fazit: Nicht zu lange warten
Schlafprobleme bei Kindern sind vielfältig – von mangelnder Schlafhygiene über verschobene Rhythmen bis zu ernsten Erkrankungen. Während vorübergehende Schlafstörungen bei Entwicklungsschritten normal sind, sollten anhaltende Probleme ernst genommen werden. Der Gang zum Kinderarzt und ins Schlaflabor kann Leben verändern – wie Mias* Geschichte zeigt.
*Name von der Redaktion geändert

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